Kirchen im Krieg
Kommission für Zeitgeschichte, Research Center, Bonn

Kommission für Zeitgeschichte

Kirchen im Krieg 1939-1945. Forschungskolloquium München

Die von der Fritz Thyssen-Stiftung bezuschußte Tagung »Kirchen im Krieg 1939–1945« fand vom 6.–7. Oktober 2004 in der »Katholischen Akademie in Bayern« in München statt. Auf Einladung der Kommission für Zeitgeschichte, die die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Marburger Lehrstuhl für evangelische Kirchengeschichte (Prof. Dr. Jochen-Christoph Kaiser) organisiert hatte, nahmen 41, vornehmlich jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz daran teil.

Das international, interdisziplinär und konfessionsübergreifend angelegte Forschungssymposion verfolgte drei Ziele:

  • Erhebung des Forschungsstandes in einem bislang von der kirchlichen Zeitgeschichtsforschung vernachlässigten Themenbereich vornehmlich durch Informationsaustausch über bereits laufende wissenschaftliche Forschungsprojekte.
  • Förderung der wissenschaftlichen Kommunikation zwischen meist jüngeren Bearbeitern laufender Forschungsprojekte und bereits seit längerem ausgewiesenen  kirchlichen Zeitgeschichtsforschern.
  • Vergleichende Beschreibung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Verhalten der christlichen Kirchen in den Kriegsjahren mit Hilfe fachübergreifender Diskussionen.

Tagungsorganisation und Verlauf

Die Zahl der Fragen zu den Kriegsjahren des Dritten Reiches, auf die die Zeitgeschichtsforschung – immerhin 60 Jahre nach Kriegsende – noch keine zufriedenstellenden Antworten geben kann, ist groß. Die dementsprechend große Zahl denkbarer Themen und Beiträge erforderte deshalb eine gezielte und disziplinierte  Tagungsorganisation: Beispielsweise war allen Referenten abverlangt, den Text ihres Referates vorab einzureichen. Sämtliche Teilnehmer erhielten einen Tagungsreader mit inhaltlich ausgerichteten Themenskizzen zur Symposiumsvorbereitung. Dieses Vorgehen erlaubte es, die Vorträge auf der Tagung selbst auf 15minütige thesenartige Statements zu beschränken, die in die Diskussion von vier Sektionsthemen

        I.    Europäischer Krieg und christliche Kirchen

        II.   Nation und Reich, Krieg und Frieden

        III. Christen und nationalsozialistische Gesellschaft im Krieg

        IV.  Christen als Retter - Christen als Täter?

einführten.

Auf diese Weise wurde ein enges zeitliches Gerüst eingezogen und zugleich ein hohes Ausgangsniveau für die auf je 90 Minuten angesetzten Diskussionsteile sichergestellt. 19 Kurzvorträge und sechs Stunden Diskussion spiegeln einen außergewöhnlich  arbeitsintensiven Kolloquiumsverlauf wider, zu dem die straffe Tagungsregie durch die vier Moderatoren und das disziplinierte Vortragsverhalten der Referenten gemeinsam beigetragen haben.

Die von den Veranstaltern vorgegebene vergleichende Konzeption bedingte einen breiten methodischen Pluralismus. Neben der Institutionengeschichte, der Theologiegeschichte, der Sozial- und Mentalitätsgeschichte bestimmten Fragen der Kultur- und Gendergeschichte die Vorträge und Diskussionen. Sie reflektierten eine gerade in der kirchlichen Zeitgeschichte in jüngster Zeit erkennbare Erschließung neuer Quellenbestände: Das gilt für die seit 2003 neu zugänglichen vatikanischen Akten ebenso wie für die breite Masse erfahrungsgeschichtlicher Quellen in Gestalt von Feldpostbriefen, Tagebuchaufzeichnungen, Predigten etc. Allerdings muß man quellenkritisch berücksichtigen, daß gerade für die Kriegsjahre mit Aktenverlusten oder mit Vorgängen zu rechnen ist, die bewußt keinen schriftlichen Niederschlag gefunden haben.

Die angestrebte internationale Perspektive ist zwar inhaltlich für ein Thema wie »Kirchen im Krieg« unverzichtbar – sie weitet den bislang noch immer vorwiegend auf die deutschen Verhältnisse gerichteten Blick auf die Ebene der Weltkirche – ist aber vor allem aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse immer noch nicht selbstverständlich.

Die Tagung zielte konzeptionell zunächst vor allem auf den konfessionellen Vergleich der europäischen Regionen, die Diskussion machte dann aber deutlich, daß die Unterschiede ebenso stark bestimmt waren von den verschiedenen machtpolitischen Rahmenbedingungen, also z. B. dem Ausmaß der Okkupation und der Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Deutlich wurde auch, daß der Vatikan der Herausforderung des drohenden Krieges mit den herkömmlichen diplomatischen Mitteln nur unzureichend zu begegnen in der Lage war, während es im Falle der protestantischen Kirchen Nordeuropas Unterschiede nicht nur zwischen den Nationen, sondern auch zwischen den Kirchen gab.

Durch den internationalen Vergleich wurde nicht zuletzt auch daran erinnert, daß die »Bedeutung der grauen Kompromisse« nicht zu unterschätzen ist.

Ergebnis der methodischen Erweiterung war die Zeichnung kollektiver Deutungsmuster, die beide christlichen Kirchen bereithielten, um der Herausforderung der Krieges zu begegnen. Dem Nationalen kam konfessionsübergreifend eine entscheidende Bindewirkung zu, was einer anti-nationalsozialistischen Haltung keineswegs widersprechen mußte. Hervorgehoben wurde vor allem die Zäsur, die der Zweite Weltkrieg für bis dahin unverrückbar gültige theologische Deutungsmuster des Krieges hatte (»negative« Konstantinische Wende, W. Damberg) und für die subjektive Religiosität haben konnte. So blieb bei Frontsoldaten allein der Antibolschewismus als religiös sanktioniertes Deutungsmuster auch nach 1945 erhalten. Offen blieb, wann sich dieser Einschnitt abzuzeichnen beginnt und welche Wirkungsgeschichte über 1945 hinaus dieser Befund hat.

Die Diskussion über die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Krieges und seine Bedeutung für die Kirchen rückte schließlich auch die Vorgänge und Verhältnisse in Deutschland in den Mittelpunkt. Sie knüpfte an die intensive Erforschung der konfessionellen Milieus bis Kriegsbeginn an und lenkte sie inhaltlich über das Schwellenjahr 1939 hinaus.

Der Krieg als die »eigentliche Revolution des Nationalsozialismus« (H. G. Hockerts) stellte die Kirchen vor besondere Herausforderungen: Entgegen herkömmlicher Auffassung waren die Kriegsjahre nämlich keineswegs durch einen sogenannten »Burgfrieden« gekennzeichnet; insbesondere für die katholische Kirche erreichte der Kirchenkampf mit dem »Klostersturm« 1940 bis 1942 einen neuen Höhepunkt.

Die breiten Flüchtlingsströme durchbrachen bereits partiell die Schranken der bis dahin weitgehend konfessionell segmentierten deutschen Gesellschaft. Der Bombenkrieg erschütterte das soziale und mentale Gefüge an der Heimatfront. Dem stand jedoch das kirchliche Arrangement für den Krieg – u. a. in der Militärseelsorge und im Gesundheitswesen – keineswegs entgehen, so daß man von einer »antagonistischen Kooperation« sprechen könnte, bei der je nach Handlungsspielräumen Freiwilligkeit und Zwang ineinandergriffen.

An diese, die Ambivalenz kirchlichen Verhaltens hervorhebende Debatte knüpfte jene über den Widerstand der christlichen Kirchen an. Kontrovers wurde insbesondere das Verhältnis von Milieu und Widerstand diskutiert. Herausgestellt wurde, daß die kirchlichen Milieustandards nicht einen christlichen Widerstand bewirkten, sondern lediglich einen Abstand zum Nationalsozialismus, aus dem die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen zum Widerstand entstehen konnte. Die Typologisierung kirchlichen Verhaltens hat stärker als bisher die Tatsache einzubeziehen, daß auch die christlichen Identitäten durch eine Vielzahl von Zugehörigkeiten mitbestimmt wird.

Publikation

Die Ergebnisse der Tagung sind in einem Sammelband veröffentlicht, der 2007 im Schöningh-Verlag, Paderborn erschienen ist: Hummel, Karl-Joseph / Kösters, Christoph (Hrsg.): Kirchen im Krieg. Europa 1939–1945.

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